Wie für KWK auf EU-Ebene mit politischen Mitteln der Durchschnittsstrommix durchgesetzt wurde

Dieser Beitrag ist nur für Leser gedacht, die in eigenen Worten erklären können, wann Treibhausgasemissionen mit dem Durchschnittsstrom- oder dem Marginalstrommix zu ermitteln sind. Für diese mögen die folgenden Informationen von Interesse sein.


Zitat aus der RICHTLINIE (EU) 2018/2002 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 11. Dezember 2018 zur Änderung der Richtlinie 2012/27/EU zur Energieeffizienz (online zugänglich unter Link 1 bzw. Link 2):

„Zur Berechnung des Primärenergieanteils für Strom bei der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird die in Anhang II der Richtlinie 2012/27/EU dargelegte Methode angewandt. Statt einer marginalen Marktstellung wird dabei jedoch eine durchschnittliche Marktstellung zugrunde gelegt.“

Das geht auf einen Änderungsvorschlag des Generalsekretariats des Rates zurück.

Der europäische KWK-Verband hatte sich dagegen ausgesprochen (konnte sich aber nicht durchsetzen):

„An average PEF, as proposed by the European Commission in the ongoing Energy Efficiency Directive review, and specific CEEF based on a yearly average electricity generation mix, are not suitable for evaluating the efficiency or carbon intensity of additionally produced or consumed electricity. Using an average approach will overestimate the renewable electricity in the displacement respectively consumption mix. Meanwhile, the marginal approach will more accurately estimate the environmental impact on the electricity system due to additional generation and consumption, signalling more adequately to both policymakers and consumers the environmental impacts of appliances generating or using or this electricity.“

Darin wird auf diese (hervorragende!) Studie des FfE vom Mai 2018 verwiesen:
EU Displacement Mix – A Simplified Marginal Method to Determine Environmental Factors for Technologies Coupling Heat and Power in the European Union

Was das Generalsekretariat des Rates zu dem Änderungsvorschlag bewogen hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Hinweise auf eine Widerlegung des FfE-Gutachtens fand ich jedenfalls nicht. Ist mein Eindruck einer vollkommen intransparenten Entscheidungsfindung zutreffend? Mir scheint, dass politische Entscheider dazu entschlossen sind, ihre industriepolitischen Vorstellungen auch gegen gut begründete Einwände durchzusetzen.

Nun wundere ich mich nicht mehr, dass auch die FfE die Segel nach dem Wind ausgerichtet hat und wie so viele andere die Treibhausgasemissionen von Zusatzstrom neuerdings mit dem Durchschnittsstrommix berechnet. Das bedeutet, für zusätzliche Last auch Leistung von nicht regelbaren Kraftwerken in die Klimabilanz einzubeziehen. Meiner Einschätzung nach sind das wissenschaftlich abgesegnete Luftbuchungen.

Sollten Leser über Hintergrundwissen zu diesem Vorgang verfügen, wäre ich für weitere Informationen dankbar.


Nachtrag:
Der EU muss man zugute halten, dass sie Entscheidungsprozesse nachvollziehbar dokumentiert. Die Studie, auf welche sich die obige Entscheidung stützt, war auffindbar:

Final report
Evaluation of primary energy factor calculation options for electricity
Authors: Anke Esser (FhG-ISI), Frank Sensfuss (FhG-ISI),
Review: Christof Amann (e7), Patxi Hernandez Iñarra (Tecnalia)
Date 13.05.2016

Und was muss ich darin lesen:

Moreover, very complex and time consuming power system model calculations would have to be carried out to determine the marginal supplier for a specific point in time in the future. Since such calculations seem too complex to be carried out in each revision cycle the PEF for electricity, an average market position is favoured in this project.

Sollte hier tasächlich aus bloßer Faulheit die grob falsche Methodik favorisiert worden sein?

Mich wundert nun jedenfalls nichts mehr. Was ich von der Arbeit dieses Fraunhofer-Instituts im Kontext der Klimabilanz der Stromerzeugung halte, habe ich bereits hier und in meinem Buch dargelegt.

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