Wie E.ON einen Physiklehrer Greenwashing für Kohlestrom in E-Autos machen lässt

Das muss man gelesen haben, sonst glaubt man’s nicht. Die Wirklichkeit übertrifft zuweilen jede Satire.

Julian Affeldt (im Hauptberuf Lehrer für Mathematik, Physik (!) und Geowissenschaften, außerdem Gründungsmitglied der Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg) ist Lesern dieses Blogs bereits ein alter Bekannter. Er gehört zur Gruppe der E-Auto-Fans, die einen Irrtum von Elon Musk aus dem Jahr 2011 als vermeintliche Wahrheit weiterverbreiteten. Affeldt hat noch 2018 kritiklos kolportiert, Raffinerien würden zur Herstellung von Kraftstoffen so viel Strom verbrauchen, dass man allein damit bereits Elektroautos betreiben könnte (mehr dazu dort).

Nun hat E.ON diesen Herrn als Autor gewinnen können. In einem Beitrag mit dem Titel Kohlestrom im Elektroauto – Klimakatastrophe? versucht Affeldt zu begründen, warum selbst die Verwendung von Kohlestrom als Ladestrom den ökologischen Vorteil der Elektromobilität nicht in Frage stellt. Er kommt zu diesem Fazit:
„Selbst im schlimmsten Fall (Stromversorgung zu 100% aus Braunkohlestrom) und selbst unter Vernachlässigung der CO2-Gutschriften der Kohlekraftwerke durch die Fernwärmenutzung, erzeugt ein durchschnittliches Elektroauto nicht mehr CO2 pro km, als ein Diesel- oder Benziner, in den Tendenz sogar weniger, da aktuell mehr Benziner als Diesel verkauft werden.“

Doch der Reihe nach. Schon der dritte Absatz beginnt mit einem Fehler:
„Wer ein Elektroauto fährt, lädt mehr und mehr Strom, der aus erneuerbaren Quellen stammt.“

Dahinter verbirgt sich ein weit verbreiteter Denkfehler.
Für eine substantielle Klimabilanz ist es irrelevant, woher der Strom für einen bestimmten Ladevorgang stammt. Stattdessen ist die Frage zu beantworten, welche Kraftwerke ihre Leistung herunterregeln würden, wenn es diese bewusst herbeisubventionierte, zusätzliche Stromnachfrage nicht gäbe. AGORA berichtet über das Jahr 2020:
„Insbesondere die Kohleverstromung erreichte einen neuen Tiefststand seit Beginn der ganzheitlichen Aufzeichnung im Jahr 1990. … Der Nachfragerückgang wirkte sich fast ausschließlich auf die fossile Ener­gieerzeugung aus, da diese in der Merit-Order – die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke beim Verkauf von Strom an der Börse – hinter den Erneuerbaren Energien stehen und somit als erste ihre Erzeugung reduzieren.“

Solange fossile Kraftwerke die Regelleistung stellen, ist die Behauptung irreführend, zusätzliche Stromverbaucher wie E-Autos tankten immer mehr grünen Strom. Diese können von der steigenden Ökostromquote nicht profitieren, da es nur auf den Marginalstrommix ankommt.

Affeldts Behauptung ist falsch.

Weiter geht’s mit einem Scheinargument:
„An vielen Kohlekraftwerken, insb. in Ostdeutschland, wird ein Teil der entstehenden Abwärme zur Beheizung von Wohnungen, Gewächshäusern und Industriebetrieben genutzt. Diese Fernwärmenutzung reduziert bereits die Gesamtemissionen, weil lokale Heizanlagen, die auf Erdgas basieren könnten, vermieden werden. Die CO2-Bilanz verbessert sich damit bereits etwas. Wir wollen diesen Umstand hier aber mal außer Acht lassen, um die Rechnung zu vereinfachen.“

Wie groß ist der Anteil der Fernwärmeenergie am Primärenergieverbrauch von Kohlekraftwerken?
Die Nettowärmeerzeugung zur leitungsgebundenen Wärmeversorgung nach Energieträgern in Deutschland betrug 2020 insgesamt 126 Mrd. kWh, davon entfielen 16,1 auf Steinkohle und 7,3 auf Braunkohle.

Wieviel wurde zur Stromerzeugung eingesetzt?
„Aus Braun- und Steinkohle kamen in diesem Jahr 91,7 bzw. 42,5 Milliarden Kilowattstunden.“
Quelle: https://bizz-energy.com/2020-so-viel-strom-aus-wind-wie-aus-kohle

Die Wirkungsgrade betrugen laut UBA 2018 für Braunkohle 39,4 % und für Steinkohle 44,3 %. Die zur Stromerzeugung eingesetzten Primärenergiemengen lagen somit bei 233 Mrd kWh für Braunkohle und bei 96 Mrd kWh für Steinkohle. Für den mittleren Anteil der Fernwärmeversorgung beider Kohlearten ergibt das 7 % ((16,1+7,3)/(233+96) x 100). Bei Braunkohle sind es nur 3 % (7,3/233 x 100).

Affeldt lässt die Fernwärmeversorgung also keineswegs außer Acht, um die Rechnung zu vereinfachen, sondern weil er weiß, dass die daraus folgende Verbesserung der CO2-Bilanz der Kohle – und damit auch des E-Autos – unbedeutend ist.

Zum Verbrauch von E-Autos schreibt Affeldt:
„Ein durchschnittliches Elektroauto, z.B. der eGolf von Volkswagen, verbraucht laut sprtmonitor.de in der Praxis 14,8 kWh pro 100 km. Hinzu müssen noch die Ladeverluste addiert werden, wir rechnen also mit 17,3 kWh/100 km (Quelle: https://www.adac.de/_ext/itr/tests/autotest/AT5678_VW_e-Golf/VW_e-Golf.pdf).“

Die Ladeverluste entnahm er dem verlinkten ADAC-Test. Sie entsprechen einem Aufschlag auf den Verbrauch von 16,9 %. Diese Werte sind durchaus realistisch.
Auch die Braunkohleemissionen setzt er nicht zu niedrig an:
„Strom aus Braunkohle ist besonders CO2-intensiv, rund 1,1 kg CO2 entstehen, um eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen.“

Doch halt – was ist mit dem Weg der Energie vom Kraftwerk zum Verbraucher? Lässt der Lehrer Affeldt seine Schüler tatsächlich im Glauben, der Strom gelange verlustfrei vom Generator im Kraftwerk zu den Verbrauchern?
Über Stromverluste sprechen Elektroauto-Fans in der Tat äußerst ungern:

  • Der Strom wird über zwei Netze an die Kunden verteilt. Durch Übertragung und Verteilung entstehen Verluste von insgesamt ca. 10 %. [i]
  • Auch die Kraftwerke selbst verbrauchen Strom, Kohlekraftwerke besonders viel. Im Durchschnitt über den gesamten Kraftwerksbestand beträgt der Eigenbedarf der Kraftwerke ca. 17 % der Nettostromerzeugung. [ii]

Diesen weiteren Zuschlag von zusammen 28,7 % hat Julian Affeldt mal eben unter den Tisch fallen lassen. Nimmt man die Ladeverluste hinzu, so müssen die Kraftwerke in Wahrheit ca. 50 % mehr Strom erzeugen, als der Bordcomputer anzeigt. Affeldts weitere Rechenversuche sind damit hinfällig:
„Würde der eGolf also mit 100% Kohlestrom geladen, entstünden Emissionen in Höhe von 18,7 kg CO2 pro 100km bzw. 187 g CO2 pro km.“

Affeldt glaubt, triumphieren zu können:
„Umgerechnet müsste ein PKW mit Ottomotor weniger als 7 Liter auf 100 km verbrauchen, um weniger CO2 zu erzeugen, als ein Elektroauto, das mit 100% Kohlestrom betrieben wird … Und beim Diesel? … das Fahrzeug müsste weniger als 6 Liter verbrauchen, um weniger CO2 zu erzeugen, als der eGolf mit 100% Kohlestrom.“

Weil Affeldt jedoch rund die Hälfte der dem Generator nachgelagerten Bereitstellungsverluste „vergessen“ hat, erhöhen sich die Emissionen des E-Autos um 50 % auf 280,5 g/km. Um noch mehr zu emittieren, müsste Affeldts eigenem Rechenweg zufolge ein Benziner mehr als 10,5 Liter/100 km (280,5 x 100 / 2680) und ein Diesel mehr als 9,2 Liter/100 km (280,5 x 100 / 3060) verbrauchen.
Affeldt schreibt selbst, dass die Verbrenner weit weniger verbrauchen. Und hat sich damit selbst widerlegt.

Die folgende Grafik veranschaulicht den Zweck seines Greenwashing-Tricks. Dabei werden zwei etwa gleich große Fahrzeuge verglichen:

(Die Berechnung der Werte wird im Buch detailliert erklärt.)

Wie schmutzig die Kohlestromproduktion tatsächlich ist, darüber wird Affeldt seine Schüler zumindest in diesem Kontext gewiss auch nicht aufklären:

  • „Die Braun- und Steinkohlekraftwerke in Deutschland stoßen große Mengen an Quecksilber und Stickoxiden aus, insbesondere im Vergleich mit den Kohlekaftwerken in den USA.“
  • „In Deutschland liegt zudem der Grenzwert für Stickoxide (NOx) für große Braunkohle-Altanlagen bei 200mg/Nm³, kein einziges Braunkohlekraftwerk ist mit einem Katalysator ausgerüstet, was eine zusätzliche NOx-Abscheidung von mindestens 85% erlaubt.“
    Quelle: European Environmental Bureau
  • „Allein die vier großen RWE-Braunkohlenkraftwerke im Rheinland emittieren jährlich etwa 1.473 Tonnen der gesundheitsschädlichen Feinstaub-Partikel. Dazu kommen etwa 1.500 Kilogramm des Nervengifts Quecksilber und ein Mix aus Cadmium, Arsen, Blei, Zink, Schwefeldioxid, Stickoxiden und anderen Schadstoffen. Und das trotz vermeintlich bester Filtertechnik.“
    Quelle: https://www.bund-nrw.de/themen/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohlenkraftwerke/dreckschleuder-braunkohlekraftwerk/

Die traurige Wahrheit lautet: Jedes einzelne Elektroauto trägt auch im Fahrbetrieb zu mehr Quecksilber, Stickoxiden und Feinstaub in der Luft bei.

Das hindert die Fans der Elektrospaßmobile freilich nicht, sich für Angehörige einer ökologischen Avantgarde zu halten.

Was Affeldt dazu bewogen hat, den zur Aufladung von E-Autos verwendeten Kohlestrom mit fadenscheinigen Begründungen von Umweltfolgen zu entlasten, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
E.ON wiederum hat sich längst aus der konventionellen Energieerzeugung zurückgezogen. Daher ist unklar, was man sich davon verspricht, einen etwas verpeilten E-Auto-Fan auf der firmeneigenen Website solcherart Unsinn verbreiten zu lassen.

E.ON bietet u.a. diese Produkte an:

  • Günstiger Wallbox-Stromtarif für Ihr Elektroauto
  • Wallboxen made in Germany

War man in Sorge, Kunden könnten dahinterkommen, dass dieser Ladestrom aufgrund des Konkurrenzverhältnisses zur Kohlestromsubstitution bei näherem Hinsehen trotz einer entsprechenden Etikettierung doch nicht ganz so „öko“ ist? Lässt man darum einen bekannten Elektroautofan die Werbetrommel rühren? Dieser Schuss dürfte nach hinten losgegangen sein.

Elektroautofans schwindeln sich selbst etwas vor, anders lässt dieser Unsinn sich nun einmal nicht begründen. Wirklich beunruhigend ist nicht, dass auch Julian Affeldt dies tut – sondern dass dieser Mann Kinder unterrichten darf. Denn kritische Quellenprüfung und gründliches Analysieren von Zusammenhängen in komplexen Systemen werden sie von ihm kaum lernen.


Endnoten:
[i] Westnetz, der größte deutsche Verteilnetzbetreiber, gab für 2019 Verluste von 7,17 % an. Dazu kommen noch die Verluste im vorgelagerten Übertragungsnetz. Die Verluste für Übertragung und Verteilung sind daher mit zehn Prozent zurückhaltend abgeschätzt.
[ii] Die Bruttostromerzeugung betrug 2019 ca. 607 Mrd kWh, die Nettostromerzeugung hingegen nur 518 Mrd kWh. Das bedeutet einen Aufschlag auf den Nettostrom von 17 Prozent.

Grafik:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7d/EON-Ruhrgas-Zentrale_Essen.jpg

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  1. Affeldt schreibt ferner: „Weiterhin sorgt u.a. der europäische CO2-Zertifikatehandel dafür, dass durch den steigenden Strombedarf kein Gramm CO2 mehr emittiert werden darf und die verbleibenden Mengen laufend reduziert werden müssen.“
    Das ist ein beliebter Trick von interessierter Seite, um reale CO2-Emissionen mittels kreativer Bilanzierung scheinbar im Nichts verschwinden zu lassen. Weil darauf sogar viele integre Wissenschaftler hereinfallen, fand dieser Punkt in der obigen Kritik keine Erwähnung. Mehr dazu dort:
    Dank Deckelung kein CO2-Ausstoß von Elektroautos?!
    Die Vorstellung, der EU-Emissionshandel leiste eine Deckelung der Treibhausgasemissionen im Sinne einer harten Begrenzung, ist falsch.

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