Wie wissenschaftliche Institute sich in eine Werbekampagne für zusätzliche Stromverbraucher einspannen ließen

Volkswagen hat hoch gepokert und setzt auf den Erfolg der neuen E-Autos.
Für möglichst hohe Verkaufszahlen wäre es hilfreich, die Gemeinsamkeit dieses Produkts mit Nachtspeicherheizungen zu kaschieren: Beides sind zusätzliche Stromverbraucher. Der erhöhte Strombedarf muss zwingend von regelbaren Kraftwerken ausgeglichen werden – und das sind nicht nur in Deutschland vor allem Kohlekraftwerke.

VW-Chef Herbert Diess ist über die CO2-Emissionen von Elektroautos genauestens im Bilde. In der Fachzeitschrift „Automobil Produktion“ wurde er 2018 mit diesen Worten zitiert: „’Denn die Wahrheit ist: Sie stellen nicht auf Elektro um, sondern auf Kohlebetrieb. Und wenn Sie dann noch mit Kohlestrom fahren, wird E-Mobilität wirklich zum Wahnsinn.’… Es sei nicht sinnvoll, Elektroautos auf die Straße zu bringen, wenn der Strom für sie aus Kohle stamme: ‚Dann fahren wir mit Kohle statt Erdöl und produzieren mehr CO2 als heute.’“

Lt. Umweltbundesamt stieg der Anteil erneuerbarer Energien von 37,8 Prozent (2018) auf 42,1 Prozent (2019) des Bruttostromverbrauch. Diese Zahlen können nicht der Grund sein, warum Diess die Dinge inzwischen ganz anders sieht.

Grundlegend geändert hat sich seither nicht die Ökostromquote, sondern die Interessenlage von Volkswagen. Elektroautos sollen helfen, Strafzahlungen wegen des hohen Verbrauchs der SUV zu vermeiden. Dass dieses neue Produkt den Stromverbrauch erhöht, droht jedoch das Image der Umweltfreundlichkeit zu gefährden. Davor könnte ein Persilschein schützen, ausgestellt von reputablen Wissenschaftlern.

In dieser Situation kommt Volkswagen eine weit verbreitete Unsitte von Wissenschaftlern entgegen. Bei der Erstellung von Klimabilanzen zusätzlicher Verbraucher wird häufig auch Strom nicht regelbarer Kraftwerke eingerechnet (z.B. Solarkraftwerke und Windräder). Dieser Strom hat aber bereits Abnehmer und kann von Elektroautos nicht noch einmal verbraucht werden. Für die Zusatzlast müssen fossile Kraftwerke hochgeregelt werden. Auf solche Autoren trifft zu: „Many professionals are getting the estimation of carbon savings wrong“
Statt den für die Treibhausgasemissionen relevanten Zusatzstrommix zu bestimmen (was zugegebenermaßen keine triviale Aufgabe ist), verwenden sie einfach den Durchschnittsstrommix. So z.B. Brian Cox, Christian Bauer und Chris Mutel vom Paul Scherrer Institut in der Schweiz:

Current and future environmental performance of passenger cars
„Current BEV … charged with European average electricity already provide lower life cycle Greenhouse Gas(GHG)emissions than conventional ICEV and have climate impacts comparable to HEV.“

Solcherart affirmative Begleitforschung ist natürlich hochwillkommen. Volkswagen lässt diese Wissenschaftler auf der eigenen Website bereitwillig verkünden: „Für wirksamen Klimaschutz brauchen wir E-Autos. In der Wissenschaft ist diese Antwort schon länger klar. Es ist aber nicht gelungen, die Erkenntnis auch in der Öffentlichkeit ausreichend zu kommunizieren. Dadurch gibt es immer wieder Diskussionsbeiträge, die weitgehend frei sind von Sachkenntnis.“

Leser dieses Blogs wissen es besser – und lassen sich auch nicht von eindeutig falschen Behauptungen täuschen. Bauer sagt allen Ernstes: „Wenn Europa 2050 klimaneutral sein will, dann darf zu diesem Zeitpunkt kein Verbrennungsmotor mehr auf der Straße sein – zumindest bei Personenwagen.“

Nach der Dekarbonisierung der gesamten Energieversorgung werden dank synthetischer Kraftstoffe alle Autos klimaneutral fahren. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bauer dies tatsächlich nicht weiß?

Unfreiwillig komisch erscheint vor diesem Hintergund eine Anmerkung im Teaser:

„Unterstützt wurde das Projekt durch den unabhängigen Nachhaltigkeitsbeirat von Volkswagen.“

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