E-Autos als Abnehmer von ansonsten abgeregeltem Ökostrom? Über eine kollektive Wahrnehmungsstörung

Zitat aus einem Autoforum: „Wenn mein E-Auto nachts am Netz hängt, wo ansonsten Windräder gedrosselt werden müssen, weil es keine Abnehmer gibt, lädt das Auto natürlich einen erheblichen Teil erneuerbar. Ebenso an Sonnentagen, wo der Marktpreis regelmäßig unter Null fällt, weil zuviel Strom erzeugt wird.“
Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Elektroautofans begeistert nachplappern, was sie gerne hören, sich aber nicht die geringste Mühe geben, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Hier die Fakten:
* Die Abschaltquote des Ökostroms lag 2019 mit gerade mal 2,8 Prozent etwa auf dem Niveau des Vorjahres.
* Es können weiterhin über 97 Prozent der EEG-Erzeugung verbraucht werden.

Auch der Grund der gelegentlichen und nur lokalen Abregelungen wird genannt: Netzengpässe. Es gibt durchaus genügend Abnehmer (und sei es im Ausland); der Strom kann nur nicht immer dorthin geleitet werden, wo er gebraucht wird. Die Lösung hierfür ist nicht etwa die Einführung zusätzlicher Stromverbaucher wie Elektroautos – sondern Netzausbau:

„Die Forscher haben untersucht … ob … die Überschüsse an Strom aus fluktuierenden erneuerbaren Energien gezielt durch Elektroautos genutzt werden könnten. Sie kamen zu überraschenden Resultaten: Wenn der Ausbau der Leitungsnetze bis 2030 so funktioniert, dass Netzengpässe kein Problem mehr darstellen, dann wird der fluktuierende erneuerbare Strom aus Wind und Sonne fast immer vollständig durch herkömmliche Verbraucher genutzt – auch ganz ohne Elektrofahrzeuge.

Diese Untersuchung betrachtet nur den inländischen Stromhandel. Die verlustarme Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung kann die Phase ohne ungenutzte Stromüberschusse noch weiter in die Zukunft verschieben:

„Auf HGÜ-Technik basierende kontinentale Stromnetze werden als wichtiger Bestandteil erneuerbarer Energiesystem gesehen, da sie in der Lage sind, die regional unterschiedliche Einspeisung erneuerbarer Energien teilweise auszugleichen und somit den Bedarf an Stromspeichern reduzieren.

Das bedeutet:

  • Lokaler Überschuss-Strom in nennenswertem Umfang wird auf absehbare Zeit nur dort entstehen, wo der Netzausbau vernachlässigt wurde.
  • Nähert sich in einigen Jahrzehnten die Ökostromquote den hundert Prozent, dann wird der überregionale Überschussstrom anderen Ländern als Puffer für Dunkelflauten dienen oder dazu benötigt werden, um die (zukünftigen) Langzeitspeicher zu füllen.
  • Im Rahmen der Dekarbonisierung der gesamten Energieversorgung wird der gesamte Strombedarf sich mindestens verfünffachen (siehe Kapitel 9.1 des Buches). An Abnehmern von Ökostrom wird daher kein Mangel herrschen.
  • Somit ist in keiner Phase der Energiewende ein Bedarf an Elektroautos zur Aufnahme von Überschussstrom erkennbar.

Photo by Kendall Hoopes on Pexels.com

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  1. Ein prominenter Vertreter dieses Irrtums ist Sepp Reitberger, Chefredakteur von Deutschlands größtem Elektroauto-Portal EFAHRER.com. Er behauptet allen Ernstes: „In der Realität laufen Kohlekraftwerke mit konstanter Leistung durch, bei Überangebot werden Wind- und Solarenergie heruntergefahren.“ (https://www.focus.de/auto/news/synthetische-kraftstoffe-2020-wenn-der-tesla-kohlestrom-tankt-elektroautos-in-der-glaubwuerdigkeits-falle_id_12143400.html)
    Daran stimmt kein einziges Wort:
    * Wind und Solaranlagen werden so gut wie überhaupt nicht heruntergefahren (s.o.) – und wenn es lokal doch einmal passiert, dann wegen Netzengpässen und keineswegs wegen eines frei herbeiphantasierten Überangebots an Strom.
    * Kohlekraftwerke laufen mit konstanter Leistung durch? Lt. energy-charts.de leisteten Braunkohlekraftwerke am 30.6. um 04:00 Uhr 4,48 GW; sechs Stunden zuvor waren es noch 9,30 GW.

    Wenn es darum geht, Elektrospaßmobile zu verteidigen – was zählen da schon Fakten?

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